Jede Minute wird eine neue chemische Formel entwickelt, alle drei Minuten ein neuer physikalischer Zusammenhang erforscht und alle fünf Minuten eine neue medizinische Erkenntnis gewonnen. Und weil das Wissen sich immer schneller vermehrt, muss es auch öfter aktualisiert werden. Die Frage ist nur: Wohin mit den ganzen Informationen? Und wie soll man das alles behalten? Sind wir Wissensriesen und Umsetzungszwerge?
Wer zwölf oder dreizehn Schulklassen besucht und dann weiter gelernt hat, der hat zusammengerechnet rund 21.600 Unterrichtsstunden über sich ergehen lassen. Alle paar Wochen hat er das erworbene Wissen zu Papier gebracht oder es beim Abfragen abgerufen: Lernkontrolle. Danach wird dieses Wissen vorausgesetzt. Nach zwölf oder dreizehn Jahren Informationswiedergabe hat der Schüler endlich seinen Schein in der Tasche. Er wird fortan nie wieder nach Vektoren, Sinusfunktionen oder der Entwicklung von Einzellern zu Vielzellern gefragt. Halten Sie sich diese Zahl mal vor Augen: 21.600 Stunden Unterricht, dazu noch einige Tausend Stunden Hausaufgaben. So lange hat der Durchschnittsbürger auf Vorrat gelernt – mit dem Ergebnis, dass die meisten Menschen die Sinusfunktion googlen müssen, um sie ihren Kindern zu erklären. Und das nicht, weil sie schlechte Schüler waren. Sondern schlicht und einfach, weil es unmöglich ist, Wissen über einen längeren Zeitraum zu speichern während man es nicht braucht.
Der Psychologe Hermann Ebbinghaus hat es mit seiner „Vergessenskurve“ auf den Punkt gebracht: Bereits zwanzig Minuten nach dem Lernen können wir nur noch 60 Prozent der Informationen abrufen. Nach einer Stunde sind es nur noch 45 Prozent, nach einem Tag magere 34 Prozent. Das Erinnerungsvermögen nimmt so rapide ab, dass dauerhaft nur noch 15 Prozent des Gelernten im Gedächtnis bleibt. Und auch das nimmt noch weiter ab.
Widersprechen Sie mir ruhig! Denn Sie haben vollkommen recht, wenn Sie etwa sagen: Bei Fremdsprachen kann das nicht zutreffen! Da bin ich voll und ganz bei Ihnen. Sprachenlernen ist auch keine Anhäufung von Wissen, sondern eine gezielte Aneignung von Vokabeln und grammatikalischen Gesetzen, die der Lernende am Ende KANN – und nicht WEIß, jedenfalls wenn er die Sprache weiterhin spricht und das Gelernte anwendet. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Erst durch die praktische Anwendung wird jedes Wissen zum Können – und graue Theorie wird dabei einfach aussortiert.
Häufig werde ich nach meinen Vorträgen über die Halbwertszeit des Wissens gefragt. Meine Antwort ist dann: „null“. Einfach weil Informationen nicht archiviert und gespeichert werden, sondern umgesetzt werden sollen.
Trotzdem glauben wir in der Wirtschaft immer noch, zu wenig zu wissen. Wir belegen Seminare, besuchen Vorträge, horten Tipps und verlieren sie spätestens nach einer Woche wieder – weil wir die Impulse nicht in die Tat umsetzen und damit Wissen zu Können machen. So wird aus dem Know-how kein Know-to. All das, weil uns nicht klar ist: Hängen bleibt, was umgesetzt wird. Und umsetzen bedeutet: tun.
Aus umgesetztem Wissen wird echte, unbewusste Kompetenz - die höchste Kompetenzstufe.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren als 10-jähriges Kind bei ihrem Vater hinten auf dem Rücksitz im Auto mit. Dann ist Ihre Kompetenz in Bezug auf Autofahren sehr niedrig. Sie sind inkompetent und nicht nur das, Sie wissen es nicht einmal. Sie sind also unbewusst inkompetent. Angenommen Sie sind mittlerweile 16 und haben die erste Schwarzfahrt hinter sich. Sie wissen, dass Sie noch nicht richtig Autofahren können, Sie sind bewusst inkompetent. Mit 18 machen Sie Ihren Führerschein, dann sind Sie zumindest von staatlicher Seite als kompetent bezeichnet worden. Diese Kompetenz ist Ihnen aber noch bewusst, Sie schalten, kuppeln und fahren noch bewusst. Viele Abläufe benötigen bei Ihnen noch ein bewusstes Darandenken. Ihre Kompetenzstufe: bewusst kompetent.
Einige Jahre später, wenn Autofahren zu einer Selbstverständlichkeit für Sie geworden ist und Sie nebenbei noch telefonieren, dann ist Ihnen gar nicht mehr bewusst, wie kompetent Sie in Bezug auf Autofahren sind, Sie haben eine neue Kompetenzstufe erreicht: unbewusst kompetent.
Artikel von und mit freundlicher Genehmigung zur Publizierung von HERMANN SCHERER
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